Historischer Harfenbau von Rainer M. Thurau

Diese Konzeption beschreibt den grundsätzlichen Leitgedanken Rainer M. Thuraus im Kontext zu seinem Verständnis vom Historischen Harfenbau in der Gegenwart als innovative Wieder- aber auch Neugestaltung auf Basis historischer Vorlagen.
Rainer M. Thurau fertigt ca. 35 verschiedene Harfen des Frühmittelalters, der Romanik, der Gotik, der Renaissance, des Barock und des Biedermeier mit Schwerpunkt auf zwei- und dreireihige chromatische Harfen der Renaissance und des Barock.

Akustik historischer Harfen

Das äußere Erscheinungsbild einer historischen Harfe kann für den ernsthaften Hersteller früher Harfen nicht der Schwerpunkt seines Schaffens sein, sondern deren musikalischen Funktionen und den damit verbundenen akustischen Notwendigkeiten in der jeweiligen Epoche ihres Auftretens.
Akustische Authentizität ist für Rainer M. Thurau ebenso von Relevanz wie Tontragfähigkeit und exzellente klangliche Eigenschaften seiner Rekonstruktionen im Generellen sowie die Erforschung der klang-authentischen Integration früher Harfen in das Gefüge eines historischen Ensembles welches sich um eine historische Aufführungspraxis bemüht. Hierbei ist für Thurau von außerordentlicher Bedeutung, dass Harfenbauer der vergangenen Jahrhunderte ebenso wie die frühen Meister des Lauten- , Cembalo-, Gambenbaus etc. ihren Schwerpunkt im Klang gesehen haben müssen – selbst wenn gelegentlich bei den genannten Instrumenten reiches Zierrat, insbesondere in der Renaissance und im Barock, anzutreffen ist.

Mit Bezug auf seine Studien des Lautenbaus ( insbesondere basierend auf seine Teilnahme am Lauten-Konstruktionsseminar des amerikanischen Lautenbaumeisters Robert Lundberg, Ende der 1970iger Jahre ) gewann er die Erkenntnis, dass in vielen Kategorien des historischen Zupf- und Streichinstrumentenbaus die schlichten, unverzierten Instrumente, welche vorzugsweise der Ästhetik des Goldenen Schnitts mehr Aufmerksamkeit schenkten als dem Erscheinungsbild , von professionellen Musikern aufgrund klanglicher Überlegenheit bevorzugt wurden.

Diesem Postulat folgt Rainer M. Thurau bei der Planung und Herstellung historischer Harfen.

Kopieren von Originalinstrumenten

Der historische Harfenbau ist eine Angewandte Kunst welche repliziert, rekonstruiert und im positiven Sinne Plagiate herstellt.
Glaubwürdige Plagiate herzustellen welche authentische Instrumente ganzer Epochen repräsentieren sollen setzt jedoch voraus, dass eine genügende Anzahl von originalen Instrumente existiert, welche exemplarisch tatsächlich die Konstruktionsweise und Akustik dieser Instrumente der verschiedenen Epochen widerspiegelt. Ein Original oder eine sehr geringe Zahl international existierender Originale bedeuten jedoch wiederum nicht automatisch, dass es sich um exemplarische Instrumente einer ganzen Epoche handeln muss:
Die grosse Mehrzahl an Originalinstrumenten ist verschollen und zerstört. Anzunehmen, das dieses oder jenes überdauerte Instrument eine ganze Epoche repräsentiert, führt defacto zu einer Heroisierung dieses Instruments und fatalerweise zur Herstellung von Plagiaten welche einen völlig falschen Eindruck von den tatsächlichen Klangeigenschaften und von dem tatsächlichen Können und Anliegen früherer Meister des Harfenbaus widerspiegelt.

Beim Rekonstruieren historischer Harfen nach Originalen in Museen und Sammlungen oder nach Gemälden Alter Meister achtet Rainer M. Thurau dennoch auf jedes Detail um optisch, architektonisch und statisch das Instrument möglichst authentisch aber auch baustatisch zuverlässig zu rekonstruieren. Jedoch wie erwähnt existieren nicht nur noch wenige Originale des 10. bis 17. Jahrhunderts. Auch waren die meisten dieser Instrumente nachweisbar selten benutzte Schau- und Schmuckstücke aristokratischer Häuser und sind heute in Museen eher als historische Dokumente ohne akustische Aussagekraft zu bewundern. Ein, diesen Umstand nicht Rechnung tragendes unkritisches Kopieren solcher Harfen führt häufig zu äußerst unbefriedigenden akustischen Schöpfungen, welche von heutigen Harfenbauern jedoch leider gerne als „authentisch“ offeriert werden.

Es ist vielmehr davon auszugehen, dass die akustisch wirklich wertvollen Harfen insbesondere aufgrund ihrer filigranen und feinen Architektur – sicherlich entsprechend der Bemühungen des Zupfinstrumentenbaus früherer Jahrhunderte um höchste klanglichen Ergebnisse - und aufgrund ihres bevorzugten Gebrauchs, die Jahrhunderte nicht überstehen konnten. Für diese These spricht, dass historische Abbildungen Harfen dokumentieren, deren Resonanzdecken z.B. mit Metallverstrebungen stabilisiert wurden um deren Bruch zu verhindern, oder deren einfach konstruierte Hälse chromatischer Harfen mit bis zu 100 Saiten sicher nicht Jahrhunderte überstehen konnten. Die Annahme, Harfen müssten sehr viel feiner gebaut worden sein im Vergleich zu den teilweise äußerst schweren Exemplaren in heutigen Museen – man vergleiche hierzu die extrem leichten Barockharfen Spaniens gegenüber einiger der noch existierenden chromatischen Harfen Italiens und Deutschlands - wird auch unterstützt von der immensen Bedeutung der Harfe in der Musikhistorie und dem, im Gegensatz dazu, eindeutigen großen Mangel an Harfen welche die Jahrhunderte überdauert haben:
Es muss doch sehr verwundern, dass bis zur Ablösung der italienischen Barockharfe durch das Cembalo, die Harfe als das Basso Continuo-Instrument schlechthin galt und demzufolge eine Unmenge an sehr fein gearbeiteten chromatischen Harfen existiert haben müssen – Instrumente, welche auch den akustischen Anforderungen eines wachsenden Instrumentariums innerhalb eines Ensembles gerecht werden musste. Nahezu keines dieser chromatischen Instrumente ist heute noch existent!

Allein die noch verbliebenen zerbrechlichen Barockharfen Spaniens, die feinst gearbeiteten Theorben, die flach gewölbten, leichtgewichtigen Gamben und die zierlichen Spinetti können bezeugen, dass es auch bei den Harfen Instrumente gegeben haben muss, deren Grazilität klangliche Charakteristika hervorgebracht haben muss, deren Schönheit und Tontragfähigkeit heute leider nur noch zu erahnen ist.

Aus all diesen Überlegungen heraus betrachtet und kopiert Rainer M. Thurau heutige Museumsexemplare sehr selektiv und mit Vorsicht. Zumal auch häufig bauliche Veränderungen im Laufe von Jahrhunderten durch grobe Reparaturen und unsachgemäßen Austausch von stark beschädigten Originalteilen etlicher dieser wenigen Exemplare bedauerlicherweise fast nur noch zulassen sie als Andeutung der vergangenen Kunstfertigkeit des frühen Harfenbaus zu würdigen.

Rekonstruktion nach Bildnerischen Darstellungen

Die Rekonstruktion nach historischen Abbildungen und Gemälden Alter Meister bietet die Möglichkeit der Interpretation der abgebildeten Instrumente ebenso wie die Bildnerischen Werke in ihrer Ganzheit auch den Kunsthistorikern Deutungen ermöglichen. Dies begünstigt in wesentlicher Hinsicht die Rekonstruktion einer Harfe: So werden von Rainer M. Thurau akustische Stärken und zweckdienliche Spielbarkeit jedes rekonstruierten Instruments herausgearbeitet.
Bemerkenswert ist bei den meisten ikonographischen Darstellungen, dass die Mehrzahl der abgebildeten Harfen, insbesondere des Barock, kaum über Verzierungen verfügen. Gegenüber einer reich verzierten Barberini-Harfe oder einer Arpa di Laura (bekannt als Arpa Estense), beweisen die Darstellungen von größtenteils schlicht dekorierten Harfen, dass auch die frühen Harfenbauer der Harfe als akustisches Instrument größere Bedeutung zuteilwerden ließen als deren prunkvolle Erscheinungsform. Thurau konzentriert sich in dieser Tradition vorzugsweise auf die Akustik, Formästhetik, Spielbarkeit und die Zuverlässigkeit seiner Rekonstruktionen und verzichtet auf unnötiges und überladenes Zierrat.

Der Wert einer historischen Harfe als Musikinstrument wird letztendlich sicher nicht von den Bemühungen um reiches Zierrat repräsentiert, sondern von den ambitionierten Bemühungen des ernsthaften historischen Harfenbauers, der ein zweifelsfrei authentisches historisches Klangbild der Harfen verschiedenster Epochen anstrebt.

Rekreation basierend auf Eigenkonstruktionen

Die Rekreation historischer Harfen erfordert sehr viel Wissen über und Erfahrung mit historischen Harfen und deren Bau. Rainer M. Thurau fertigt mittlerweile seit über 37 Jahre historische Nachbauten und hat sich anhand vieler seiner Arbeiten aus verschiedenen Epochen bemüht die Denk- und Arbeitsweise früher Meister nachzuempfinden und ein akustisches Verständnis für die Harfe als Teil eines historischen Gesamtinstrumentariums der jeweiligen Epoche zu verstehen. Dies eröffnet ihm Möglichkeiten, welche Originale in Museen und Abbildungen kaum bieten, wie bereits erläutert (siehe oben)

Nach vielen eigenen Vermessungen in Museen und unfangreichen Nachbauten dieser Instrumente zwischen 1977 und 1984 trug Rainer M. Thurau nach 1985 seiner Erkenntnis Rechnung, dass das Kopieren von Harfen nicht vergleichbar ist mit dem Kopieren von Lauten, Gamben, Cembali, Blasinstrumenten etc. Von den letztgenannten Instrumenten existieren sehr umfangreich und großenteils exzellent erhaltene Exemplare in vielen Museen weltweit und auch in den Händen von Musikinstrumentenbauern.
Thuraus eigene historische Kreationen, z.B. CELLINI, GALILEI, ARPA DA VIAGGIO, erfüllen in akustischer, architektonischer, kunsthistorischer und baulicher Hinsicht alle Kriterien historisch nahezu authentischer Instrumente – bereits derart authentisch, dass sich selbst sachkundige Musiker und Musikwissenschaftler von diesen Rekreationen täuschen lassen und sie häufig für Nachbauten von Museumsstücke halten.

Jedes neue Modell durchläuft eine Planungssphase von ein bis zwei Jahren bevor das erste Exemplar gebaut wird. Diese lange Entwicklungszeit ist notwendig damit diese Rekreation in jeder Hinsicht den Anforderungen des historischen Musikers und Ensembles und dem hohen Qualitätsanspruch Rainer M. Thuraus entspricht und seiner kompromisslosen Intention ein Instrument zu bauen, welches glaubhaft in dieser Bauweise, in dieser Erscheinungsform und mit diesem Klang existiert haben könnte.

Sonderanfertigungen

Die auf dieser Homepage vorgestellten historischen Modelle sind für das gesamte Repertoire der Alten Musik von Bedeutung und an sich ausreichend. Im Auftrag von Museen und Musikern entstehen jedoch auch Harfen, die gelegentlich primär unter kulturhistorischen und musikwissenschaftlichen Aspekten in Auftrag gegeben worden sind. Rainer M. Thurau fertigt auch Harfen nach Wünschen des Kunden – sofern die hohen akustischen Anforderungen von Rainer. M. Thurau in dem Wunschinstrument realisierbar ist.