Frühmittelarterliche Leiern

Eine Alamannische Leier, ein höchst interessantes und wichtiges Dokumente der Musikgeschichte, wurde, soweit bekannt, erstmals 1810 in einem alamannischem Gräberfeld des 7.Jahrhunderts in Oberflacht (bei Tuttlingen/Süddeutschland) unbeachtete gelassen und erst wieder 1933 erforscht. Durch die Kriegwirren verloren sich die Forschungsunterlagen und erst Anfang der 90iger Jahre des 20.Jhdts. wurden ernsthafte Untersuchungen der Gräberinhalte wieder aufgenommen.

Durch diese Wiederaufnahme der Forschungen vor 30 Jahren, erhielt Rainer M. Thurau bereit 1984 vom Rheinischem Landesmuseum in Bonn den ersten Auftrag die Fragmente der Leier aus einem der alamannischen Gräber Oberflachts vermessen und die Leier zu rekonstruieren.
Diese erste ernsthafte Rekonstruktion einer alamannischen Leier seit 1300 Jahren machte deutsche Museen auf die qualifizierte Auseinandersetzung Thuraus mit diesen Gräberfunden aufmerksam.

Das Landesmuseum Baden-Württemberg
, Eigentümer der Fragmente, beauftragte daraufhin ebenfalls eine Kopie, sowie die Rekonstruktion eines weiteren Leierfundes aus einem zweiten Oberflachter Grab. Dieses Instrument, vormals im Berliner Museum, ist nach dem 2. Weltkrieg verschollen und wurde unter Zuhilfenahme einer, im Landesmuseum Stuttgart befindlichen, groben Kopie aus der 30iger Jahren rekonstruiert.

In den folgenden Jahren rekonstruierte Rainer M. Thurau weitere Oberflachter Leiern für das Rheinische Landesmuseum Bonn, für das Institut für die Geschichte der islamisch-arabischen Wissenschaften in Frankfurt, für das Leiermuseum Jan Brauers in Baden-Baden und für das Alamannenmuseum Ellwangen.
Unter diesen Aufträgen befanden sich auch Rekonstruktionen einer alamannischen Leier, welche in einem Grab unter der Kirche St. Severin in Köln gefunden wurde.

Nach dem Fund einer spektakulären Leier im Jahre 2001, einer reich verzierten und vollkommen intakten Leier aus einem Grab in Trossingen, wurde Thurau vom Archäologischem Institut in Konstanz kontaktiert um eine instrumentenbauliche Betrachtung dieser Leier zu verfassen. Er erhielt den Auftrag für verschiedene Museen, Nachbauten auch von dieser Leier zu fertigen.

Auch Spezialisten für Frühe Musik wie z.B. der international hochgeschätzte Leiter des Ensembles SEQUENTIA und renommierte Beowulf-Interpret Benjamin Bagby, tragen weltweit ihre Kunst auf Alamannische Leiern von Rainer M. Thurau vor.

Die sehr flachen alamannische Leiern sind aus Eiche oder Ahorn gefertigt und sind extrem leicht durch eine sehr sensible und feinste Bauweise.
Der Resonanzkörper einer Leier wird von Hand ausgehöhlt, häufig auch einschließlich der Jocharme der Leier. Diese Arbeit erfordert äußerst viel Gefühl und handwerkliches Geschick. Die kunsthandwerkliche Ausführung und der subtile Klang der originalen frühmittelalterlichen alamannischen Leiern sind außerordentlich und lassen Respekt aufkommen vor den Leistungen der ursprünglichen Hersteller im 5. - 7. Jahrhundert.

Aus Mangel an Überlieferung von Stimmungen erfolgt die Besaitung nach Wunsch des Auftraggebers unter Beratung durch Rainer M. Thurau (basierend auf die Zusammenarbeit mit verschiedenen renommierten Leiervirtuosen.)

Auf Wunsch Benjamin Bagby's (s.o.) wurde auch eine moderne Konzertversion der Oberflachter Leier Stuttgart gefertigt. Dieses Modell ist ca. 10% größer als das Original. Es ist den heutigen Konzertbedingungen angepasst und klanglich wesentlich kräftiger als das Originalinstrument. Alle anderen Charakteristika und das Erscheinungsbild der originalen alamannischen Leiern wurden jedoch nicht verändert, so dass die Authentizität der Alamannischen Leiern erhalten bleibt.